Die “Sacra di San Michele”

Ein stattlicher und stimmungsvoller Ort, an einem Berg haftend, der das Susa-Tal beherrscht, reich an romanischer Kunst, wo man Geist und Kultur findet.

Die “Sacra di San Michele“ ist ein architektonischer Komplex auf dem Berg Pirchiriano, am Rande des Susa-Tales. Nach einigen Geschichtsforschern bestand schon zu römischer Zeit, dort, wo jetzt die Abtei steht, eine militärische Garnison, die die Straβe nach Gallien kontrollierte; später belegten die Longobarden den Ort mit einer Garnison, die als Schutzwall gegen die Invasion der Franken fungierte. Heute erscheint die Sacra dem Besucher als ein mächtiges, von Schutzmauern umgebenes Werk, das entstanden war, um die vielen Pilger aufzunehmen und um die Räuber zu entmutigen, die einst das Gebiet heimsuchten.

 

Der Komplex entstand ab 999 v. Chr. und wurde erst nach 36 Jahren dank der Gunst und des Glaubens von Ugo di Montboisser, ein reicher Herr aus der französischen Region Alvernia, fertig gestellt. Ihm wurde die Aufgabe erteilt, eine groβe Abtei zu errichten, um von seinen Sünden erlöst zu werden. Nach einer alten Legende war es der Erzengel Michael, der den Ort gedeutet und geweiht hat, an dem die Klause entstehen sollte. Daher rührt der Name des Ortes. Jedoch ist das imposante Monument von einem Hauch des Unheimlichen umgeben: Auf dem Zodiakus-Portal, zum Beispiel, auf dem die Geschichte Kains, Abels und Samsons abgebildet ist, werden auf dem Türpfosten die Sternzeichen nach heidnischer Religion dargestellt. Es ist der älteste romanische Zyklus des Zodiakus und der anderen Konstellationen.

 

Glanzzeiten und Verfall der Abtei wechselten sich ab: es war ein Wallfahrtsort und ein Ort für Meditation und Gebet für Gläubige, die die Alpen überwunden hatten und auf ihrem Weg nach Rom oder das Heilige Land das Susa-Tal durchquerten und hier Halt machten; aber es war auch eine militärische Festung und Zufluchtsort. Es überlebte Bombardierungen und Erdbeben.

 

Die Hauptkirche hat eine Struktur mit drei Schiffen und bezeugt den allmählichen Übergang von der romanischen zur gotischen Kunst. Sehr eindrucksvoll sind die Gemälde der vier groβen Propheten (Jesaja, Ezechiel, Daniel und Jeremias), die seitlich des Apsidialfensters hängen; von bedeutendem Wert ist auβerdem eine Freskenmalerei des Cinquecento, die drei Szenen darstellt: Maria Himmelfahrt, das Begräbnis Jesus und das Dormitio Mariae (ein ziemlich seltenes Thema).

 

Noch heute ist die Sacra-Bibliothek für Studenten, Gelehrte oder einfach nur Neugierige zugänglich. Sie enthält über achttausend Bände, die meisten aus dem 19. Jahrhundert über Geschichte, Kunst, Lokalgeschichte, Theologie und Philosophie. Die Abtei steht auβerdem all denjenigen zur Verfügung, die in dieser Umgebung sich der geistigen Erbauung und dem Gebet widmen und zur Selbstbesinnung kommen wollen.