IM KLOSTER VON MONTECASSINO

Eine Begegnung mit der tiefen Spiritualität, die im bedeutendsten Kloster des Heiligen Benedikt von Nursia herrscht, einem heiligen Ort des Studiums und der Arbeit.

Das Kloster von Montecassino, das in strategischer Lage auf dem Gipfel des Monte Calvario thront und von dort die Stadt und das darunter liegende Tal beherrscht, wurde im Jahr 529 vom Heiligen Benedikt von Nursia (italienisch: San Benedetto da Norcia) auf dem Fundament einer früheren römischen Festungsanlage gegründet. Der Heilige diktierte hier seine berühmte Regel, zu der neben der Forderung von Enthaltsamkeit, Armut und Gehorsam auch die Verpflichtung zu Studium und manueller Arbeit gehörte. Die Mönche spezialisierten sich auf das Abschreiben alter Texte, so dass der klassische Gedanke während des gesamten Mittelalters erhalten blieb. Das Museum, das innerhalb des Klosters untergebracht ist, verwahrt Schriftstücke, die von tausendjähriger Geschichte zeugen. Hierzu gehört auch das “Placito cassinese”, das erste um das Jahr 930 verfasste Dokument, das in volkstümlichem Italienisch geschrieben wurde. 
Die Einsiedelei von Montecassino, die auf eine jahrhundertelange fruchtbare Geschichte aus Heiligkeit, Kultur und Kunst zurückblicken kann, ließe sich mit dem symbolischen Bild einer Eiche vergleichen, die auch wenn sie durch einen Sturm entwurzelt wird, stets aufs Neue in voller Kraft ersteht, denn das Kloster wurde im Laufe seiner tausendjährigen Geschichte mehrmals dem Erdboden gleich gemacht und wieder aufgebaut:  577 wurde es von den Langobarden zerstört, während es 883 die Sarazenen überfielen, ausplünderten und dann anzündeten (dabei fanden viele Mönche den Tod); schließlich folgte im Jahr 1349 die dritte Zerstörung durch einen schweren Erdstoß, der von dem Bauwerk wenig mehr als ein paar Mauern stehen ließ. Am 15. Februar 1944, in der letzten Phase des zweiten Weltkrieges, befand sich Montecassino genau an einer Frontlinie, an der zwei Armeen aufeinander stießen. Der Ort des Gebets und des Studiums, der während des Krieges auch zum friedlichen Zufluchtsort Hunderter wehrloser Zivilpersonen geworden war, wurde in nur drei Stunden in einen Haufen Schutt und Asche verwandelt, unter dem viele Flüchtlinge umkamen. 
Heute bieten die Benediktinermönche zwar ihren Besuchern nicht die Möglichkeit, an diesem Heiligen Ort zu übernachten, aber sie öffnen jedem die Tore, der das Kloster besichtigen möchte. Täglich steigen Hunderte Menschen zur Abtei hinauf, die jeden empfängt, der Momente intensiver Spiritualität verleben und ein Stück Geschichte näher kennen lernen möchte. Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich eine Besichtigung des Museums von Montecassino, das während der Sommerzeit täglich, in den Wintermonaten nur Sonntags geöffnet ist.